Presseberichte | Verkehrsrecht

Wenn das Wörtchen „wenn" nicht wäre...

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Es wird Frühling. Die Temperaturen nehmen täglich deutlich zu und die Sonne scheint schon länger und stärker. Da drängt es natürlich besonders die Motorradfahrer nach draußen. Lutz P. hatte seine 1200er Honda schnell startklar, denn den ganzen Winter über hatte er sie für den Neustart vorbereitet. Eine kurze, einstündige Ausfahrt Samstagnachmittag bei strahlendem Sonnenschein machte ihn zufrieden und weckte ihn ihm das Bedürfnis nach mehr. Abends verabredete er sich mit zwei Gleichgesinnten für den kommenden Sonntag und gemeinsam startete man dann am nächsten Tag um 10 Uhr zu einer längeren Fahrt in Richtung Harz. Tagsüber schien die Sonne und es war trocken, doch gegen Abend zogen Wolken auf und auf der Rückfahrt begann es zu regnen. Lutz P. war fast ein Profi.

Er beherrschte sein Motorrad und trug wetterfeste Motorradkleidung. Zurück im Heimatort verabschiedeten sich die drei noch kurz und Lutz P. fuhr in Richtung seiner Wohnung. Der Regen hatte zugenommen, Wind war aufgekommen und die Regentropfen an seinem Visier behinderten die Sicht. Immer wieder wischte er mit seiner Hand die Tropfen weg. Er fuhr innerhalb der Ortslage 50 km/h und bog um eine leichte Rechtskurve. Die Straßenbeleuchtung spiegelte sich auf der regennassen Fahrbahn und blendete ihn. Plötzlich, in einer Entfernung von ca. 15 m, tauchte vor ihm ein Schatten auf, er bremste, ein dumpfer Schlag und er merkte noch, wie der Motor aufheulte und er in einem hohen Bogen auf die Straße schlug.

Manfred S. hatte sich von seinem Schulfreund verabschiedet. Er hatte ihn wegen der Vorbereitung eines Klassentreffens aufgesucht und wollte nun nach Hause. Es regnete. Der Wind peitschte die Regentropfen in sein Gesicht und er schlug den Kragen seiner Jacke hoch. Er hatte es nicht weit nach Hause, ging schnell und versuchte, indem er nach links schaute, den Regentropfen, die der Wind von rechts in sein Gesicht trieb, auszuweichen. Gleich hinter dem Spielplatz musste er über die Straße und zwei Häuser weiter wäre er dann auch zu Hause gewesen. Manfred S. sah sich kurz nach links und rechts um und meinte, kein Fahrzeug gesehen zu haben und gefahrlos die Straße überqueren zu können. Er betrat die Fahrbahn und da der Wind von rechts den Regen heran trieb, schaute er in entgegen gesetzte Richtung. Als er die Mittellinie überquerte und die Gegenfahrbahn überschreiten wollte, bemerkte er ein Licht, was von rechts schnell auf ihn zukam. Er wusste nicht, sollte er stehen bleiben oder weitergehen, aber da spürte er schon einen starken seitlichen Schmerz.
Waren Lutz P. und Manfred S. Opfer eines Zufalls? Was wäre, wenn sich Lutz P. 5 Minuten später von seinen Freunden, 3 Kreuzungen weiter, verabschiedet hätte oder was wäre, wenn Manfred S. 5 Minuten eher nach Hause gegangen wäre?

Ja, wenn das kleine Wörtchen „wenn" nicht wäre. Aber kommt es darauf an? Der Unfall war doch vermeidbar. Der Unfall selbst war schlimm und doch, beide kamen mit dem Leben davon und die Gesundheitsschäden waren nach mehreren Wochen zum größten Teil verheilt. Manfred S. vertrat die Auffassung, dass allein Schuld an dem Unfall der Motorradfahrer und damit Lutz P. tragen würde und er erhob Klage auf Schadenersatz und Schmerzensgeld. Lutz P. vertrat die Auffassung, dass er sich völlig korrekt verhalten habe, er sei auch in der Ortslage nur 50 km/h gefahren und der Fußgänger hätte auf das Motorrad achten müssen.

Das Gericht wertete völlig zu Recht das Verhalten beider Verkehrsteilnehmer und es kam zu dem Schluss, dass durch die Sichtbehinderungen von Lutz P., verursacht durch die Regentropfen und die spiegelnde Fahrbahn, er hätte wesentlich langsamer fahren müssen, um eben auch dann noch anhalten zu können, wenn er erst 15 m vor sich eine Person auf der Fahrbahn erkennen kann. Aber auch dem Fußgänger Manfred S. sprach das Gericht ein Mitverschulden zu. Die Sicht und die Wahrnehmbarkeit für das Herannahen eines Fahrzeuges waren durch den Regen auch für Manfred S. beeinträchtigend und so hätte er beim Erreichen der Mittellinie anhalten müssen, um den Motorradfahrer ungehindert passieren lassen zu können.

Er hätte sich also hier noch einmal nach rechts für ein ungehindertes Passieren der Gegenfahrbahn vergewissern müssen. Nach dem eigenen Vorbringen hatte er aber nur beim Betreten der Straße nach links und rechts gesehen und dann sich der Richtung, aus der der Motorradfahrer kam, abgewandt. Daher sprach das Gericht Lutz P. ein Verschulden zu 2/3 und Manfred S. zu 1/3 zu.